Spielerisch lernen? Mehr zu Gamification und Serious Games

Ein Computerspiel spielen – und ganz nebenbei ohne Anstrengung lernen oder arbeiten?

Dieses Versprechen klingt zu gut, und ist auch tatsächlich nicht einzuhalten. Allerdings gibt es mit Gamification und Serious Games durchaus spannende Ansätze, um schwierige Aufgaben mithilfe von spielerischen Elementen besser bewältigen zu können.

Was bedeuten die Begriffe Gamification, Serious Games, Applied Games?

Gamification – auf deutsch Spielifizierung – bedeutet, spielerische Elemente in einem anderen Kontext anzuwenden. Das Ziel ist, die Motivation der handelnden Personen zu steigern. Dadurch können sie schwierige oder langweilige Aufgaben besser erfüllen. Gamification ist eine Erweiterung von bestehenden Programmen oder Prozessen.

Serious Games und Applied Games sind dagegen vollwertige Spiele. Der Unterschied zu anderen Spielen ist, dass sie neben dem Spielspaß noch einen weiteren, ernsthaften Nutzen bringen sollen. Ein klassisches Beispiel ist das Lernspiel, das auf spielerische Art und Weise Wissen vermittelt.

Der Zusatznutzen von Applied Games kann auch dritten Personen oder Organisationen zugutekommen. Zum Beispiel können Wissenschafter*innen anhand von Spielverläufen Erkenntnisse über Sozialverhalten oder neurologische Erkrankungen gewinnen. 

Motivation – was steckt dahinter?

Das Ziel von Gamification ist die Motivation für eine Aufgabe zu steigern. Daher wollen wir uns zunächst ein bisschen die Theorie dahinter ansehen. 

In der Selbstbestimmungstheorie wird zwischen extrinsischer und intrinsischer Motivation unterschieden. Bei extrinsischer Motivation wollen Personen entweder eine Belohnung wie Geld erhalten oder eine Bestrafung vermeiden.

Bei intrinsischer Motivation wollen Menschen etwas von sich aus erreichen. Diese funktioniert über die Grundbedürfnisse Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit.

  • Autonomie bedeutet, dass ein Mensch eine Tätigkeit machen will und nicht gegen seinen Willen gezwungen wird.
  • Kompetenz spiegelt den Wunsch, dass man etwas gut machen will und Herausforderungen erfolgreich meistert.
  • Soziale Eingebundenheit wird erreicht, indem man zu einer Gemeinschaft gehört und Beziehungen zu anderen Menschen hat.

Spielelemente

Welche Spielelemente kannst du nun in der Praxis benutzen, um eine Aufgabe spielerisch zu gestalten? Womit wird die Motivation der Benutzer:innen angekurbelt?

Spielfortschritt

Ein wichtiges Element ist, den Fortschritt im Spiel zu darzustellen. Dadurch steigt die Motivation, die eigene Kompetenz verbessern zu wollen.

Es gibt vielfältige Spielkomponenten um Feedback über den aktuellen Fortschritt zu geben:

  • Punkte zeigen den Fortschritt als numerische Einheit.
  • Badges (Abzeichen) machen Erfolge öffentlich visuell sichtbar.
  • Über Ranglisten kann man sich mit anderen Spieler*innen vergleichen.
  • Verschiedenste Belohnungen sind möglich, z.B. das Freischalten von zusätzlichen Spielobjekten oder Mini-Games.
  • Levels sind abgeschlossene Spieleinheiten. Dabei kann man immer eins nach dem anderen erreichen. Die Levels werden immer schwieriger, um neue Herausforderungen bereitzuhalten.
Verschiedene Badges im Spark AR Hub
Als Spark AR Creator bekomme ich verschiedenste Badges, je nachdem wie viele Effekte ich schon erstellt habe.

Storytelling

Storytelling bedeutet eine Geschichte zu erzählen. Geschichten sind ein wesentliches Element unserer Kultur und finden sich u.a. in Büchern, Theaterstücken, Filmen und eben auch Spielen wieder.

Geschichten sind viel einprägsamer als pure Fakten. Das ist natürlich ein Riesenvorteil beim Lernen.

Im Falle von Gamification werden Aufgaben in eine Geschichte eingebettet. Durch Lösen der Aufgaben schreitet die Geschichte vorwärts. Noch spannender ist es, wenn du als Spieler:in den Verlauf der Geschichte beeinflussen kannst.

Soziale Interaktionen

Die Verknüpfung mit anderen Spieler:innen schafft eine Form von sozialer Eingebundenheit. Das ist natürlich ganz stark bei Multiplayer-Spielen vorhanden. Dabei funktioniert das tatsächliche Spiel mit mehreren Spielern, die entweder miteinander oder gegeneinander spielen.

Aber auch für Singleplayer-Spiele gibt es zusätzliche Elemente für den Austausch mit anderen Spieler;innen.

  • Für Gruppen ist es möglich, den Gesamtfortschritt zu messen bzw. interne Ranglisten zu erstellen.
  • Über Chats und Foren können sich Spieler:innen über das Spiel austauschen.
  • Um eigene Erfolge zu kommunizieren, eignet sich die Einbindung von sozialen Medien.

Spielerische Gestaltung

Die spielerische Gestaltung ist nicht zu unterschätzen. Ein Spiel sieht einfach anders aus als eine Office-Anwendung. Die visuelle Gestaltung, Interaktivität, Animationen, Musik und Geräusche erreichen, dass Benutzer:innen wirklich in die Spielwelt eintauchen.

Diese Auflistung ist natürlich nicht komplett. Es gibt eine sehr große Vielfalt von Spielen und Spielelementen, welche du für Gamification und Serious Games adaptieren kannst. Wichtig ist das Gesamtkonzept. Und vor allem, dass die Spielelemente zum Thema und zu der Zielgruppe passen.

Beispiele für gelungene Gamification

Da Gamification eine Ergänzung zu bestehenden Systemen ist, gibt es eine sehr breite Palette an möglichen Anwendungen. In einer wissenschaftlichen Untersuchung unterteilten K. Seaborn und D.I. Fels die Anwendung in folgende Bereiche:

  • Ausbildung
  • Online communities und soziale Medien
  • Gesundheit und Wellness
  • Crowdsourcing
  • Nachhaltigkeit
  • Orientierung für neue Mitarbeiter:innen/Mitglieder
  • Forschung
  • Marketing

Ausbildung

Bei Lernspielen ist es naheliegend, den Fortschritt mit spielerischen Elementen darzustellen. Mit jeder Lerneinheit oder jedem positiv absolviertem Test bekommst du eine Belohnung um zusätzliche Inhalte wie z.B. Mini-Games freizuschalten.

Am besten funktioniert spielerisches Lernen allerdings, wenn die Lerneinheiten selbst als Spiel angeboten werden. Im Beispiel Dragonbox Elements lernst du über geometrische Formen. Das ganze Programm ist wie ein Spiel gestaltet und du bekommst Level für Level schwierigere Aufgaben.

In Dragonbox Elements lernt man über geometrische Formen.

Es muss aber nicht ein komplettes Lernspiel sein. Für das Programm Unity 3D gibt es eine große Sammlung von Tutorials. Diese können auf der Website abgerufen werden und bestehen aus Video- und Textanleitungen. Diese Lernplattform beinhaltet einige Gamification-Elemente:

  • Fortschrittsanzeige für einzelne Module
  • Badges für abgeschlossene Einheiten
  • Punktanzahl für bestimmte Wissensgebiete
  • Freischaltung von Goodies (z.B. ein kostenloses 3D-Modell)
Screenshot der Lernplattform von Unity mit den Gamification-Elementen Punkte, Badges und Fortschrittsanzeige.
Die Lernplattform für Unity bietet zahlreiche Gamification-Elemente wie z.B. Punkte (XP) und Badges.

Communities

Soziale Netzwerken, Foren und Bewertungssysteme motivieren Benutzer:innen mithilfe von Spielelementen zu mehr Interaktionen. Zum Beispiel erhältst du auf Tripadvisor verschiedene Badges je nach Anzahl deiner Bewertungstexte. Diese Badges werden im Profil angezeigt und du bekommst E-Mails zu deinem Fortschritt.

Gamification in Tripadvisor mit verschiedensten Badges
Verschiedenste Badges im Tripadvisor-Profil. Zusätzlich bekommen Benutzer:innen E-mails, dass sie bald einen neuen Badge erlangen können.

Eine andere Möglichkeit sind Ranglisten. Diese können manchmal auch demotivierend wirken. Wenn eine gute Platzierung nämlich unerreichbar ist. Ranglisten für Untergruppen können dieses Problem etwas entschärfen.

Motivation

Gesundheit und Fitness finden die meisten Menschen sehr wichtig. Allerdings sind manche Dinge im Alltag nicht immer einfach umzusetzen. Gamification kann Menschen dabei unterstützen, gewünschte Ziele auch tatsächlich zu erreichen.

Fitness-Apps geben Ziele vor und messen deinen Fortschritt. Eine witzige Spielidee ist der App Zombies, Run! gelungen. Sie simuliert, dass du beim Laufen von Zombies verfolgt wirst. Über die Kopfhörer hörst du, wenn die Zombies zu nahe kommen und musst dann schneller laufen. Durch das Storytelling wird man vom eigentlichen Training abgelenkt und Benutzer können mitunter schneller laufen als gedacht.

Zombis, Run! motiviert mit einem Storytelling-Ansatz zu einem intensiveren Lauftraining

Marketing

Im Bereich Marketing sind Spiele eine gute Möglichkeit, um neue und bestehende Kund:innen zur Interaktion anzuregen. Der Zusatznutzen des Spiels liegt in diesem Fall in der Bewerbung einer Marke, Kundenakquise oder Kundenbindung. Das heißt, die werbende Firma profitiert vom Zusatznutzen.

Möglichkeiten zur Gamification im Marketing sind beispielsweise Lernquizzes oder die Einbindung von sozialen Medien. Die Firma M&M postete vor einigen Jahren ein Suchbild mit M&Ms und einer Brezel. Der Beitrag wurde sehr oft kommentiert und geteilt. M&M machte damit auf ihr spezielles Brezel-Produkt aufmerksam.

Die Fastfood-Kette Chipotle benutzte ein Spiel um auf ihre nachhaltige Nahrungsmittel aufmerksam zu machen. Zusätzlich erhielten Spieler:innen, die eine bestimmte Punktzahl erreichten, einen Gutschein.

Chipotle: The Scarecrow

Simulationen

Virtuelle Trainings eignen sich sehr gut für Serious Games. Die Benutzer können reale Aufgaben zunächst in einer virtuellen Umgebung trainieren. Insbesondere bei gefährlichen oder teuren Tätigkeiten bringt das virtuelle Training viele Vorteile.

Wenn die räumliche Umgebung wichtig ist, ist eine Umsetzung mit Virtual Reality Headsets sinnvoll, aber nicht zwingend erforderlich.

Wichtig ist, den Benutzer:innen Feedback zu geben, ob sie sich durch das Training verbessern bzw. welche Aufgaben noch mehr geübt werden müssen. Inwieweit dieses Feedback in spielerischer Form aufbereitet wird, hängt natürlich sehr stark von der Zielgruppe ab. Beispiele sind Flugsimulatoren, Feuerlöschsimulatoren, Trainings im Bereich der industriellen Montage und viele mehr.

Microsoft Flight Simulator

Anhand eines Flugsimulators kannst du die fließenden Übergänge zwischen reiner Simulation, Serious Games und Unterhaltungs-Spielen sehr gut erkennen.

  • Bei der reinen Simulation kannst du das Flugzeug frei steuern und spezielle Situationen trainieren.
  • Ein Serious Game wird daraus, wenn du Aufgaben wie z.B. schwierige Landeanflüge bekommst, Punkte sammeln und in höhere Levels aufsteigen kannst. Das Ziel des Serious Games ist aber weiterhin, für einen echten Flug zu trainieren.
  • Als reines Unterhaltungsspiel muss der Flugsimulator nicht mehr realistisch sein und es sind allerlei lustige Sachen denkbar – Attacken von feuerspuckenden Drachen zum Beispiel. 

Crowdsourcing

Bei Crowdsourcing werden große oder schwierige Aufgaben auf eine große Anzahl von Menschen aufgeteilt.

Viele Algorithmen im Bereich künstlicher Intelligenz benötigen riesige Datenbanken für das Training. Um zum Beispiel auf beliebigen Bildern zu erkennen ob eine Katze darauf ist, benötigt man zunächst viele Bilder mit und ohne Katze.

Um möglichst schnell und günstig für jedes Bild zu wissen, ob eine Katze darauf ist oder nicht, kann man dieses Labeling über Crowdsourcing von vielen Internetbenutzern machen lassen. Zusätzlich zu Bezahlung kann es sinnvoll sein, diese Tätigkeiten in ein Spiel zu verwandeln um bessere Ergebnisse zu erzielen.

Besonders in der Wissenschaft ist es oft nötig, dass im Rahmen von Citizen Science große Datenmengen von vielen Personen analysiert werden. Beispielsweise hat Cancer Research UK mehrere Spiele entwickelt, um Genmutationen zu finden, die auf Krebs hinweisen.

Play to Cure: Genes in space

Wo ist Gamification nicht angebracht?

Problematisch ist Gamification immer dann, wenn sie nicht auf Wunsch der Teilnehmer:innen basiert. Wenn jemand eine monotone Arbeit ausführen muss, kann man diese auf Dauer nicht durch Gamification interessanter machen. Es besteht eher die Gefahr, dass sich Teilnehmer:innen durch diese Infantilisierung zu Recht nicht ernst genommen fühlen und die intrinsische Motivation dadurch sogar sinkt. 

Generell ist es kritisch zu sehen, wenn Personen mittels Gamification manipuliert werden. Ian Bogost plädiert für solche Anwendungen den Begriff Exploitationware zu verwenden.

Besser ist es, Spielelemente offen zu kommunizieren. Und nur für Personen anbieten, die das von sich aus wünschen. Im Vordergrund sollten die Benutzer:innen und das Spielerlebnis stehen und nicht die gewünschte Effizienzsteigerung. 

Gute Spiele zu erstellen, ist eine sehr schwierige Aufgabe. Auch bei Serious Games ist ein gutes Spielerlebnis nur mit mit einem guten Konzept und einer guten Umsetzung erreichbar. Dann werden die Spieler es auch gerne annehmen und im Optimalfall einen Mehrwert erhalten. Allein durch Punktezählen und Badge-Vergaben wird aus einem Programm noch kein Spiel. 

Infografik zu Gamification

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